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Bodybuilding: Ein vernünftiges Gleichgewicht zwischen Ehrgeiz und Sucht finden

Es klingt nahezu lächerlich, wenn wir in einer Zeit, in der wir fast immer nur sitzend vor dem Computer am Arbeitsplatz verbringen, von Schäden zu sprechen, den der Sport unserem Körper zufügen kann.

Die offiziellen EU-Statistiken sprechen aber in diesem Fall Bände: Nur 50,2% der Europäer trainieren mindestens einmal pro Woche. Es scheint also, dass wir uns stark fürs Bodybuilding als eine kostengünstige Möglichkeit aussprechen und einsetzen sollten, um selbst gesund und fit zu bleiben.

Der Mensch braucht seit jeher ausreichend Bewegung, genauso wie ein Fisch das Wasser braucht. Wir wissen jedoch auch, wie anfällig Menschen für Extreme sind. Es ist also nicht verwunderlich, dass diese noch gestern so passiven Personen nach einer Weile zu strebsamen Sportverrückten werden.

In einigen Fällen wird die Begeisterung dann mehr als eine Leidenschaft. Tatsächlich gibt es immer nur einen schmalen Grat zwischen Leidenschaft und Sucht. Das Streben nach Gesundheit und die Gefahr dem Körper Schaden zuzufügen liegen sehr knapp beieinander.

Aber wie kann es möglich sein, das ehemals träge Personen süchtig nach etwas werden, was so viel Mühe und Kraftanstrengung erfordert, und wieso passiert dies gerade so oft beim Bodybuilding? Lass es uns das herausfinden.


Es steckt viel Chemie in der Bodybuilding-Sucht

Während Sie trainieren, erhöht Ihr Körper auf natürliche Art und Weise den Spiegel bestimmter spezifischer Hormone. Hiervon sind unter anderen die Wachstumshormone, Testosteron und Irisin betroffen, also körpereigene Substanzen, die das Muskelwachstum und die Fettverbrennung direkt beeinflussen. Zusätzlich erhöhen die einzelnen Trainingseinheiten den Endorphin-Spiegel – also endogene Opioide, die teilweise für das Zustandekommen der Bewegungssucht verantwortlich sind.

„Opioide“; ein Begriff, der uns normalerweise in Angst und Schrecken versetzt und stark mit der Droge Heroin in Verbindung gebracht wird. Diese berüchtigte Chemikalie wird oft als die gefährlichste Droge der Welt bezeichnet und in einem Atemzug zusammen mit Alkohol und Crack-Kokain genannt. Ironischerweise wurden die Endorphine zufällig in den 70 Jahren, einer Zeit der Hochblüte des Heroins, bei eingehenden Untersuchungen des Heroin- und Morphineinflusses auf unseren Körper entdeckt.

Pumpen kann süchtig machen
Pumpen kann süchtig machen  (c) pixabay

Was bewirken nun diese Hormone und wie kann ihre überschüssige Freisetzung zur Sucht führen? Endorphine sind natürliche Schmerzmittel und lösen positive Gefühle aus. Ihr Wirkmechanismus ist insgesamt ähnlich wie Morphium, wenn auch nicht so stark. Diese Eigenschaft führt zu seiner antidepressiven Wirkung: Laut einer US-amerikanischen Studie des NCBI fühlten sich Menschen, die 20 bis 60 Minuten pro Woche trainierten, nach 5 Wochen signifikant weniger depressiv als in der Zeit davor.

In der Regel wirkt sich ein leichter Anstieg des Endorphin-Spiegels positiv auf die psychische Gesundheit aus. Aber wenn die Person übermäßig trainiert, steigt der Endorphin Spiegel und das sogenannte „Körperliche Hoch“ wird deutlicher ausgeprägt. Zusätzlich beginnen Menschen, die bereits unter einer Depression zu leiden hatten, die sogenannten „Workouts“ als wohltuende Erlösung zu betrachten und versuchen so Ihren Problemen, mit denen sie täglich konfrontiert sind, im Fitnessstudio zu entkommen. Laufen, Bodybuilding und ähnliche Aktivitäten wirken in diesem Fall also als natürliche Antidepressiva. Und wie Sie wissen, ist die Sucht nach Antidepressiva sehr real, genauso wie ein tägliches intensives Training.

Auch die Psychologie spielt mit

Obwohl unser Körper während des Trainings bestimmte Hormone produziert, so ist deren Freisetzung nicht der einzige Grund, warum Sportler sich auf „Workouts“ oder gesteigertes Training einlassen. Zu einem großen Teil ist auch die Psychologie beteiligt. Dadurch kann die Bodybuildingsucht auch als Verhaltenssucht eingestuft werden.

Für diejenigen, die nicht wirklich mit der Terminologie vertraut sind, finden Sie hier eine einfache Erklärung. Eine Verhaltensabhängigkeit tritt dann auf, wenn eine Person zwanghaft eine bestimmte Aktivität oder ein bestimmtes Verhalten ausführt, auch wenn es für sie schädlich ist. Eines der am besten untersuchten Beispiele ist das Problem der Glückspielsucht.

Beim Glückspiel beeinflusst keine Substanz direkt Ihr Gehirn, wenn Sie an Slotmaschinen die Walzen drehen oder an einem Spieltisch Karten ziehen. Es spielt sich im wahrsten Sinne des Wortes alles im Kopf ab: Eine Person spielt wegen finanzieller Probleme, dem persönlichen Status oder weil er sich auf der Suche nach purem Nervenkitzel befindet.

Diejenigen Spieler, die eher zur Spielsucht tendieren, haben normalerweise auch einige psychologische Probleme, die im Zusammenhang mit Geld und / oder dem persönlichen Status stehen.

Das Glücksspiel verändert jedoch die Belohnungsmechanismen im Gehirn, und die anfangs gesunden Menschen geraten nach und nach in den sogenannten Problemspielzyklus, aus dem nur schwer ein Ausweg gefunden werden kann, genauso wie es häufig bei chemischen Substanzen der Fall ist.

Bei der Bodybuilding-Sucht funktioniert es fast genauso. In diesem Fall hat es aber nichts mit Geld oder Statussymbolen zu tun. Sie wollen sich größer und stärker machen, und dadurch wird scheinbar eine weitere Lücke geschlossen, die etwa durch einen Minderwertigkeitskomplex verursacht wird oder durch scheinbar mangelnde körperliche Attraktivität und / oder mangelndes Selbstvertrauen.

Eine solche Obsession hat tatsächlich einen Namen – Bigorexie, eigentlich das Gegenteil von Magersucht, bei der Sie dünner und dünner werden und schließlich ganz mit dem Essen aufhören.

Im diesem Fall könnte dies eine Person betreffen, die ihr ganzes Leben übergewichtig oder zu dünn war und schließlich Bodybuilding entdeckte. Der eigene Körper soll nun so verändern werden, wie dieser immer schon hätte aussehen sollen.

Solche Menschen können in vielen Fällen aber möglicherweise keine klare Trennlinie zwischen einem normalen athletischen Körperbau und einem dehydrierten, voluminösen Körper ziehen, der sich schlussendlich dann nur noch am Rande von Gesundheitsproblemen befindet.

Der Verstand kann immer noch fälschlicherweise annehmen, dass sie aufgrund früherer Probleme nicht ausreichend schlank und muskulös sind. Sie beurteilen sich immer noch als „klein“ und wollen immer größer werden.

Im zweiten Fall versucht die Person, die mentale Stärke durch die physische zu ersetzen und ihre psychischen Schwächen hinter den Muskeln zu verbergen. Und in beiden Fällen haben die Menschen unbewusst Angst, an Masse zu verlieren, da in dann ihre Unsicherheiten wieder auftauchen könnten.

Testen Sie sich selbst: Sind Sie süchtig nach Bodybuilding?

  1. Wie oft besuchen Sie ein Fitnessstudio? a) 2-4 Tage pro Woche b) 5-6 Tage pro Woche c) Ich trainiere die ganze Woche lang.
  2. Wie lange trainieren Sie durchschnittlich (nur Gewichtheben)? a) ungefähr 1 Stunde b) 1:30 Stunden c) 2 Stunden, aber manchmal verbringe ich noch mehr Zeit im Fitnessstudio.
  3. Wie fühlen Sie sich, wenn Sie nicht im Fitnessstudio sind? a) Entspannt, genieße meine Erholungszeit. b) Mir geht es gut, aber ich habe das Gefühl, ich könnte mehr trainieren. c) Ich fühle mich überhaupt nicht glücklich.
  4. Verwenden Sie einen Testosteron-Booster oder andere chemische Substanzen, um Ihre Leistung zu verbessern? a) Nein, und ich werde es nicht tun. b) Nein, aber ich denke darüber nach. c) Ja.
  5. Was passiert mit Ihnen, wenn Sie aufgrund unvorhergesehener Ereignisse ein Training verpassen? a) So ist das Leben und es ist in Ordnung. b) Ich mag es nicht, meinen Trainingsplan zu brechen. c) Ich bin deswegen ängstlich und irritiert.
  6. Trainieren Sie auch wenn Sie krank oder erschöpft sind? a) Nein, ich ruhe mich anständig aus. b) Manchmal. b) Ja.
  7. Haben Sie nicht das Gefühl, in anderen Bereichen des Lebens etwas zu verpassen? a) Nein, ich halte mein Leben für ausgeglichen. b) Ich bin sehr konzentriert auf meine sportlichen leistungen, aber ich glaube nicht, dass ich etwas verpasse. c) Ich habe das Gefühl, etwas zu verpassen, aber ich denke nicht, dass es wirklich wichtig ist.
  8. Was ist der Hauptgrund, warum Sie sich für ein Training entschieden haben? a) Ich wollte mich in Form bringen und mein allgemeines Wohlbefinden steigern. b) Ich wollte groß und stark werden. c) Ich wollte, dass ich mich besser fühle.

Ergebnisse:

  1. Wenn Sie die meisten Fragen mit „a“ beantwortet haben, sind Sie weit davon entfernt, abhängig zu sein, und sehen Bodybuilding nur als eine Möglichkeit, sich fit zu halten.
  2. Wenn die häufigste Antwort „b“ lautet, besteht die Gefahr, dass Sie sportabhängig werden. Hören Sie auf sich selbst und identifizieren Sie die wahren Gründe, warum Sie trainieren.
  3. Wenn Sie meistens „c“ wählen, sind Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit vom Bodybuilding abhängig. Lesen Sie im letzten Absatz, wie Sie damit umgehen sollen.

Wie kann die Bodybuilding-Sucht überwunden werden

Der plausibelste Rat besteht darin, und den haben Sie vielleicht schon dutzende Male gehört, dass Sie das Heben von enormen Gewichten einfach beenden sollten. Aber genauso schwer war es  für Sie, sich daran zu gewöhnen zu müssen, mindestens 10 Minuten pro Tag zu trainieren, und so ist es auch in den meisten Fällen nicht möglich, die Sucht einfach über Nacht abzustreifen. Es ist ja auch genauso schwer in einer Bar ein Bier abzulehnen wenn man alkoholkrank ist und auf dieses Suchtmittel angewiesen ist.

Aber eine gute Nachricht gibt es schon jetzt für Sie: Den ersten Schritt in eine bessere Zukunft haben Sie bereits getan. Sie haben die Suchtgefahr Ihres Trainings und Ihr zwanghaftes Verlangen nach immer Mehr bereits erkannt. Nun sollten Sie sich den Grund für eine solche Hinwendung ehrlich eingestehen. Ist Ihr Verhalten eine Entschädigung für etwas, was Sie vermissen, oder bevorzugen Sie einfach einen hohen Endorphin Spiegel?

Nachdem Sie das Problem identifiziert haben (vielleicht auch sogar schon früher), können Sie Ihre Heilung am besten vorantreiben, wenn Sie einen Berater oder eine Fachkraft aufsuchen und gemeinsam versuchen, eine befriedigende und heilende Lösung zu finden. Bleiben Sie dabei rational und erklären nicht nur mit Hilfe von Stereotypen ihre psychischen Traumata, die bei der Entwicklung Ihrer Sucht verantwortlich waren. Lösen Sie Ihre verborgenen Ängste und Gefühle durch tiefe innere Selbstreflexion, Meditation und andere heilsame Praktiken, die Ihnen Ihr Berater möglicherweise anbieten wird. Sie werden sehen, Ihre Verhaltensabhängigkeit wird allmählich nachlassen.

Foto: Bild von skeeze auf Pixabay

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