Video: Wem gehört die Geschichte hinter einer Innovation?

Manche Ideen entstehen aus einem Trend. Andere entstehen aus einer tiefen persönlichen Verbindung zu einer Sache. Für die studierte Modedesignerin Cidália Amante-Policarpo begann die Geschichte von Policarpo Trachten mit der Liebe zu Mode, zu Tracht, zu ihrer portugiesischen Herkunft und zu ihrer Wahlheimat Bayern.

2022 gründete sie Policarpo Trachten mit der Vision, traditionelle Tracht nicht einfach zu bewahren, sondern sie in die Gegenwart zu übersetzen.

Bayerische Tradition trifft auf portugiesisch- iberische Einflüsse, Couture auf Tracht und klassische Elemente auf eine moderne, feminine Designsprache. Über Jahre entwickelte Amante-Policarpo ihre eigene Handschrift und damit eine neue Interpretation des Dirndls.

Ein wesentliches Gestaltungselement wurde dabei das die gekürzte Schürze/ das Policarpo-Schößchen – eine eigenständige Interpretation der traditionellen Dirndlschürze, die zu einem charakteristischen Bestandteil der Marke wurde. Der Weg dorthin war allerdings alles andere als selbstverständlich und leicht.

Bereits viele Jahre vor Corona entstanden ist

Die Aufbauphase von Policarpo fiel in die Zeit der Corona-Pandemie. Veranstaltungen wurden abgesagt, Hochzeiten fanden nicht statt und lange war unklar, wann Menschen wieder gemeinsam feiern und Tracht tragen würden.

„Ich habe mich damals tatsächlich gefragt, ob es überhaupt wieder Anlässe geben wird, für die Menschen ein Dirndl brauchen. Trotzdem habe ich weitergemacht.“, erzählt Amante-Policarpo.

Ohne fremde finanzielle Mittel baute sie ihre Marke Schritt für Schritt auf. Jede Kollektion, jede Kooperation und jede Entwicklung bedeutete persönliches Risiko und viel eigene Arbeit.

„Ich konnte nicht einfach mit großem Budget auf den Markt gehen. Ich musste langsam und nachhaltig wachsen. Aber genau dadurch ist Policarpo über die Jahre zu dem geworden, was es heute ist.“

Wenn eine eigene Idee plötzlich wieder auftaucht

Seit 2024 beobachtet Amante-Policarpo die Entwicklung einer weiteren Trachtenmarke, deren Gestaltung aus ihrer Sicht auffällige Parallelen zu ihrem über Jahre entwickelten Konzept aufweist.

Es geht ihr dabei ausdrücklich nicht darum, anderen Designern die Weiterentwicklung der Tracht abzusprechen. Im Gegenteil: Genau diese Weiterentwicklung versteht Amante-Policarpo als ihre eigene Mission.

Was sie beschäftigt, ist die Frage, wo Inspiration endet und eine eigenständige kreative Idee beginnt – und wie die Herkunft einer solchen Idee später öffentlich erzählt wird.

Policarpo Dirndlkleid Modell Iris aus der Kollektion 2021

Policarpo Dirndlkleid Modell Iris aus der Kollektion 2021 / © Policarpo Trachten

„Natürlich darf jeder Tracht neu interpretieren. Das ist sogar notwendig. Aber wenn ich eine Gestaltung über Jahre entwickle, öffentlich zeige und zu einem prägenden Teil meiner Marke mache, ist es für mich schwer hinzunehmen, wenn diese Gestaltung später in sehr ähnlicher Form übernommen und gleichzeitig als eigene, besondere Innovation und Neuentwicklung präsentiert wird.“

Dabei geht es für die Designerin längst nicht mehr nur um ein Kleidungsstück. „Es fühlt sich für mich teilweise an, als würde mir meine Identität genommen. Denn hinter diesem Design stehen nicht nur Stoff und Schnitt. Dahinter stehen mein Studium, meine Herkunft, meine Kulturen, Corona, meine Zweifel, mein finanzielles Risiko und viele Jahre Arbeit.“

Finanzielle Stärke gegen jahrelange Aufbauarbeit

Besonders schwierig empfindet Amante-Policarpo die Dynamik eines Marktes, in dem junge Labels mit sehr unterschiedlichen finanziellen Voraussetzungen antreten.

Während sie Policarpo bewusst langsam und nachhaltig aufgebaut hat, beobachtete sie, wie im Umfeld neuer Marktteilnehmer auch Menschen und Kontakte aus ihrem bestehenden Netzwerk angesprochen wurden.

Dazu gehörten nach ihrer Wahrnehmung unter anderem Kooperationspartner, Influencer und Kontakte aus dem PR-Umfeld. „Ich habe mein Netzwerk über Jahre mit Vertrauen und Zusammenarbeit aufgebaut.“

„Wenn dann plötzlich mit einer ganz anderen finanziellen Power gearbeitet wird und Kontakte aus meinem Umfeld angesprochen werden, spürt man sehr deutlich, wie unterschiedlich die Voraussetzungen sein können.“

Amante-Policarpo möchte daraus jedoch keinen persönlichen Kleinkrieg machen. Sie möchte vielmehr eine grundsätzliche Diskussion anstoßen: Wem gehört die Geschichte hinter einer Innovation?

Denn für die Designerin ist Tradition nichts Starres. „Tradition muss sich mit dem Bild, den Bedürfnissen und der Funktion der Menschen von heute weiterentwickeln. Nur dann bleibt sie lebendig.“ Genau diese Haltung steht hinter Policarpo.

2025 wurde die Arbeit des Labels im Rahmen der Sonderausstellung „Dirndl goes Fashion“ im Textil- und Industriemuseum Augsburg (TIM) gezeigt und damit in einem musealen Kontext dokumentiert.

Besondere Anerkennung jahrelanger Arbeit

„Das zeigt mir, dass es richtig war, an meine Idee zu glauben. Ich möchte neue Tradition schaffen und nicht nur alte Tradition reproduzieren.“ Gerade deshalb möchte sie heute auch darüber sprechen, was passiert, wenn kreative Konzepte später von anderen Marktteilnehmern aufgegriffen werden.

„Ich habe nichts gegen Konkurrenz. Ich habe nichts gegen neue Ideen und sich sogar gegenseitig zu inspirieren. Was mir wichtig ist, ist die Geschichte dahinter. Man kann eine Idee weiterentwickeln – aber man sollte nicht vergessen, dass auch neue Tradition irgendwo ihren Anfang hat.“

Und genau dort liegt für Cidália Amante-Policarpo der Kern ihrer heutigen Auseinandersetzung: „Ich möchte nicht, dass am Ende die finanzielle Power entscheidet, wer als Erfinder oder Urheber einer Idee wahrgenommen wird. Ich möchte, dass meine Geschichte die zu meiner Identität sichtbar bleibt“

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Mehr Informationen

Influenzerin Suzana Wey präsentiert eine Tracht von Cidália Amante-Policarpo

Quelle / Fotos: policarpo-trachten.de