Elisabeth Alric-Schnee: „Die Hand sieht anders als das Auge“
Künstlerin Elisabeth Alric-Schnee spricht im Interview über das haptische Gedächtnis, die Aura des Handgemachten und ihre Vision, Mur Couture als internationale Marke an der Schnittstelle von Kunst und Collectible Design zu etablieren.
In einer Gegenwart, in der Bilder schneller zirkulieren, als sie wahrgenommen werden können, setzt Elisabeth Alric-Schnee auf Langsamkeit, Materialität und Berührung.
Ihre unter der Marke Mur Couture entstehenden Wandobjekte bewegen sich zwischen zeitgenössischer Textilkunst, skulpturalem Relief und exklusivem Interior Design. Sie wollen nicht nur betrachtet, sondern ausdrücklich berührt werden.
Frau Alric-Schnee, Sie waren Journalistin, Stylistin, Hochschuldozentin für Fotografie und Kunsthandwerkerin. Wie wirken diese unterschiedlichen Stationen heute in Ihrer Kunst fort?
„Ich empfinde diese Stationen nicht als voneinander getrennte Kapitel. Sie sind vielmehr Sedimentschichten, die sich in meiner Arbeit überlagern. Der Journalismus hat mich gelehrt, eine Geschichte auf ihren innersten Kern zu verdichten. “
„Als Stylistin habe ich ein Gespür für Proportionen, Materialien und visuelle Spannungsverhältnisse entwickelt. Die Fotografie wiederum hat meinen Blick für Licht, Ausschnitt und das Verhältnis von Fläche und Tiefe geschärft.“
„Das Handwerk bringt schließlich eine andere Form des Denkens hinzu: eine Intelligenz der Hände. Material lässt sich nicht vollständig theoretisieren. Man muss seinen Widerstand, seine Elastizität und seine Temperatur erfahren.
Bei Mur Couture kommen all diese Erfahrungen zusammen und bilden eine neue, eigenständige Sprache.“
Sind Ihre Arbeiten Kunst, Design oder Kunsthandwerk?
„Mich interessiert gerade der Zwischenraum. Kategorien können Orientierung geben, aber sie begrenzen eine Arbeit auch unnötig. Mur Couture bewegt sich zwischen textilem Bild, skulpturalem Wandobjekt und angewandter Kunst.“
„Die Arbeiten besitzen die Autonomie eines Kunstwerks, treten jedoch zugleich in einen bewussten Dialog mit Architektur und Raum. Auch die Trennung zwischen Kunst und Handwerk erscheint mir zunehmend artifiziell.“
„Große Kunst war über Jahrhunderte immer auch das Ergebnis außergewöhnlicher handwerklicher Fähigkeiten. Für mich ist Handwerk daher kein nachgeordneter Produktionsschritt, sondern ein wesentlicher Teil des künstlerischen Denkens. Die Technik trägt die einerseits Idee – und die Idee verlangt anderseits nach technischer Präzision.“
Sie bezeichnen Ihre Arbeiten als Kunst, die berührt werden darf. Weshalb ist die Haptik so wichtig?
„Wir haben gelernt, Kunst vor allem mit den Augen wahrzunehmen. Im Museum lautet die zentrale Regel: Abstand halten, nicht berühren. Mich interessiert, was geschieht, wenn man diese Distanz aufhebt.“
„Die Hand sieht anders als das Auge. Sie nimmt Dichte, Wärme, Spannung, Weichheit und Widerstand wahr. Durch die Berührung entsteht eine zweite Ebene der Erkenntnis – ein körperliches Verstehen.“

Mur Couture Gründerin Elisabeth Alric-Schnee / © Dorothea Craven
„Der Betrachter bleibt nicht länger ausschließlich Beobachter, sondern tritt in eine unmittelbare Beziehung zum Werk.“
„Diese haptische Erfahrung gehört zur Konzeption meiner Arbeiten. Erst im Zusammenspiel von Blick und Berührung entfaltet sich ihre vollständige Präsenz.“
Viele Ihrer Werke gehen auf Orte, Begegnungen oder persönliche Erinnerungen zurück. Wie lässt sich etwas Immaterielles in eine physische Form übersetzen?
„Eine Erinnerung besitzt keine feste Gestalt. Sie besteht aus Fragmenten: einer bestimmten Lichtstimmung, einer Farbe, einem Geräusch, vielleicht dem Gefühl eines Stoffes auf der Haut.“
„Mich bewegt nicht die dokumentarische Rekonstruktion eines Moments, sondern sein emotionaler Nachhall. Ich frage mich: Ist eine Erinnerung schwer oder schwebend?“
„Hat sie eine klare Kontur oder zerfällt sie an den Rändern? Daraus entwickelt sich eine materielle Partitur aus Farbe, Struktur, Rhythmus und Dichte.“
Welche Rolle spielt das Material in diesem Übersetzungsprozess?
„Jedes Material besitzt seine eigene Biografie und Ausdruckskraft. Manche Fasern absorbieren das Licht, andere reflektieren es. Einige wirken beinahe grafisch, andere körperlich, fragil oder archaisch.“
„Während des Arbeitsprozesses entsteht ein Dialog. Ich gebe eine Richtung vor, muss aber zugleich wahrnehmen, was das Material zulässt oder verlangt. Aus dieser Spannung entwickelt sich die endgültige Form.“
„Die vielen Stunden, die in ein Werk einfließen, sind dabei keine demonstrative Geste der Exklusivität. Sie sind notwendig, damit aus einzelnen Fäden, Schichten und Oberflächen ein kohärenter Resonanzkörper entsteht.“
Wie verändert ein Werk von Mur Couture einen Raum?
„Ein gelungenes Kunstwerk verändert die Wahrnehmung eines Raumes. Es kann eine Wand öffnen, einen Blick verlangsamen oder eine unerwartete Tiefe schaffen. “
„Meine Arbeiten reagieren sehr sensibel auf Licht, Entfernung und Perspektive. Oberflächen verändern sich im Verlauf eines Tages. Aus der Ferne erscheinen sie zunächst als abstrakte Kompositionen, aus der Nähe lösen sie sich in unzählige Materialien, Übergänge und handwerkliche Entscheidungen auf.“
„Ich wünsche mir, dass ein Werk mit der Architektur eine stille Spannung entwickelt – präsent, aber nicht laut. Im besten Fall hat man irgendwann das Gefühl, der Raum sei immer schon um dieses Werk herum entstanden.“
Wo soll Mur Couture in den kommenden Jahren stehen?
„Mein Ziel ist es, Mur Couture als eigenständige, internationale Brand an der Schnittstelle von zeitgenössischer Textilkunst und Collectible Design zu etablieren. Die Marke soll durch Selektivität und außergewöhnliche Kontexte wachsen.“
„Ich kann mir dabei einen intensiveren Dialog mit ausgewählten Galerien, Architekturbüros, Interior Designern und Sammlern vorstellen. Ebenso interessieren mich ortsspezifische Arbeiten, bei denen Kunst und Architektur von Anfang an gemeinsam gedacht werden.“
„Auch kuratierte Editionen oder Kooperationen mit anderen hochwertigen Marken können Teil dieser Entwicklung sein – aber nur, wenn daraus etwas entsteht, das über die bloße Addition zweier Namen hinausgeht.“
Was wünschen Sie sich für die Begegnung zwischen Werk und Betrachter?
„Ich wünsche mir einen Moment des Innehaltens. Ein Blick, eine Berührung, eine Emotion. Kunst muss aus meiner Sicht keine eindeutige Botschaft übermitteln. Sie sollte vielmehr einen Resonanzraum öffnen, in dem der Betrachter seiner eigenen Geschichte begegnet. Wenn das gelingt und ein Werk Teil des emotionalen Gedächtnisses eines Menschen wird, hat es seinen Platz gefunden.“
Vielen Dank für das Gespräch!
Quelle / Fotos: storybuilders.de
