Die italienische „Fare una bella figura“ Philosophie

Oft machen sich die Italiener über uns deutsche Touristen lustig, wie wir uns im Ausland präsentieren: bequeme Shorts, ein Baumwollshirt und der Rucksack über die Schultern – schließlich ist man ja den ganzen Tag unterwegs. Am besten noch ein paar Birkenstocksandalen dazu und wer die Socken anlässt, der könnte schon bei einigen Italienern eine Schwächeanfall provozieren. Doch warum ist es den Südländern eigentlich so wichtig, immer perfekt gestylt das Haus zu verlassen? Sind sie wirklich so eitel, oder steckt womöglich mehr hinter der bekannten „fare und bella figura“ Philosophie?

Mehr Schein als Sein?
Der Italiener liebt es sich zurecht zu machen und das nicht nur zu feierlichen Anlässen. Sobald man das Haus verlässt, könnte man ja auf Bekannte treffen, oder man muss womöglich spontan noch Wege erledigen. Ein Italiener ist auf alles vorbereitet. Die bekannte italienische „bella figura“ (guter Eindruck) beinhaltet aber nicht nur ein gepflegtes Erscheinungsbild, es ist eine Lebensphilosophie. Gutes Benehmen, Höflichkeit, Attraktivität – der erste Eindruck kann zwar trüben, ist aber enorm wichtig.

Das merkt man schnell, wenn man seine Ferien in einem bekannten italienischen Ferienort verbringt. Glaubt ihr nicht? Dann könnt ihr gleich einen Urlaub beispielsweise am Gardasee online reservieren und mit eigenen Augen sehen, wie sich ein Nachmittagsspaziergang schnell als eine Laufsteg-Session entpuppt. Selbst bei einem schnellen Gang zur Eisdiele präsentiert sich der Italiener gut angezogen und mit allen dazugehörigen Accessoires. Da kann der Deutsche nur mit dem Kopf schütteln.

Dolce Vita und mehr in Italien

Das beste Beispiel, wie viel Spaß es den Südländern macht, einen guten Eindruck zu machen, sieht man auf Hochzeiten. Umso weiter man in den Süden reist, umso pompöser fallen sie aus, sehr zum Leid des Brautvaters, der meist zur Kasse gebeten wird. Selbst sehr junge Brautpaare feiern, als ob es keinen Morgen gäbe

Buffet, 15-Gänge-Menu, Brautkleid (oft auch Schuhe) und Anzug des Bräutigams maßgeschneidert (ja, auch der Mann von heute sollte eine „bella figura“ machen), und die gemietete Limousine für die frisch Vermählten. Der Start ins Eheleben soll unvergesslich sein, das Leben ist meist schon hart genug, also sollte man vorher nochmal ausgiebig feiern.

Italiener als Meister der Schönheit
Wer jetzt glaubt, dass die Italiener so oberflächlich sind, täuscht sich jedoch gewaltig. Der erste Eindruck ist zwar enorm wichtig, eine „bella figura“ macht aber nur derjenige, der sich mit seinem ganzen Wesen ins richtige Licht rückt. Ausgeglichen, geduldig, spendabel – auch diese Eigenschaften gehören zu einem guten Eindruck.

Bei einem Restaurantbesuch wird die Rechnung meistens geteilt, egal, wie viel oder wie wenig man eigentlich selber bestellt hat. Man redet in der Öffentlichkeit nicht schlecht über die Familie, sonst bewirkt man das Gegenteil, nämlich eine „brutta figura“ einen schlechten Eindruck also.

Der Italiener bleibt cool und weiß sich zu benehmen, sobald man zu Hause ist, kann man seinen Frust loswerden. Es scheint fast so, als ob man sich eine Art Maske aufsetzt, um sich zu schützen und einfach die schönen Dinge des Lebens zu genießen. Wer freundlich zu anderen ist, rückt sich ins richtige Licht und tut sich selber gut.

Die „bella figura“, das ist die italienische Mode, die Leichtigkeit des Seins, der Gleichmacher verschiedener sozialer Schichten (man denke nur an die perfekt gestylten Straßenkehrerinnen) – die Italiener versuchen einfach, das Beste aus jeder Situation zu machen und vermeiden so gekonnt vom Negativen überwältigt zu werden.

Foto: flickr.com/photos/amira