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Sylt oder die halbtrockene Nostalgie

Sylter Strandbefestigung, sog. Tetrapoden bei Hörmum
Sylter Strandbefestigung, sog. Tetrapoden bei Hörmum

Warum Sarah Wagenknecht und die alte BRD auf Sylt zusammengehen

Die „Goldstaubinsel“ wird Sylt genannt; „Sylter Royal“ heißen die Austern, die von dort kommen und die Immobilienpreise auf diesem schmalen Stück Erde in Deutschlands höchstem Norden sind die höchsten der ganzen Republik. Sylt, das ist doch der Ort, an dem Dieter Bohlen zum Frühstück Kaviar löffelt und an dem sich überhaupt nur die Schickeria aufhält. München? Düsseldorf? Nee. Kampen!

Mit diesen Klischees könnte man jeden Bericht über Sylt beenden, wären da nicht Indizien, die die Wahrheit über Deutschlands bekannteste Insel woanders vermuten lassen, als auf dem Grund einer Flasche Champagner in der „Sansibar“. Halbtrockener Müller-Thurgau und Sarah Wagenknecht sind zwei davon.

Warum Sarah Wagenknecht und die alte BRD auf Sylt zusammengehen

Geht man in Westerland, Sylts kleinstädtischem Hauptort, alle anderen Ortschaften auf der Insel sind eigentlich Dörfer, durch die Fußgängerzone, fallen einem weitere Indizien auf, oder besser deren Fehlen: Kein „H&M“, kein 1-Euro-Laden und selbst die sonst allgegenwärtigen Mobilfunk-Geschäfte muss man mit der Lupe suchen. Stattdessen der Eindruck, in einer Zeitkapsel in die gute, alte BRD zurückgereist zu sein, beziehungsweise in deren provinziellen Wesenskern. Und tatsächlich: In den Cafés an der Seepromenade wird so selbstverständlich halbtrockener Weißwein serviert, als säße die Bundesregierung noch in Bonn und wir schrieben das Jahr 1985. Erst ein Plakat im moderaten A2-Format holt den Betrachter wieder in die Gegenwart zurück: Nicht Helmut Kohl, sondern Sarah Wagenknecht komme nach Sylt, steht dort und man schaut sicherheitshalber noch einmal hin.

Weder Klassenkampf noch Proletariat

Sarah Wagenknecht auf Sylt; wie passt das denn? Nun ja, wo viel Reichtum ist, muss auch viel Ausbeutung sein, oder nicht? Wenn Sarah Wagenknecht auf Sylt ihr neues Buch vorstellt, müssten doch die Unterdrückten der Wohlstands-Insel die Botschaft von Klassenbewusstsein und Volkseigentum mit hoffnungsvollen Seufzern vernehmen. Doppelt falsch. Weder spricht Sarah Wagenknecht bei ihrem PR-Termin auf Sylt vom Klassenkampf, noch ist ihr Publikum proletarisch. Vielmehr scheint Wagenknecht sich bestens mit ihrer Diskussionspartnerin, der Bürgermeisterin von Westerland (CDU) zu verstehen und auch das Publikum verschreckt sie keinesfalls mit ihren Thesen. Sicher, hier geht es ums Bücher verkaufen und ja, nicht einmal Sarah Wagenknecht ist vor einer gewissen Altersmilde gefeit. Aber der Grund für die beinahe gespenstische Harmonie der Veranstaltung liegt woanders.

Zeitkapsel Sylt

Denn die weitaus meisten Menschen, die Jahr für Jahr mit 12 (!) Monaten Vorlauf eine Ferienwohnung auf Sylt mieten, kommen weder der Austern noch des Goldstaubs wegen. Sie kommen schlicht an den Ort zurück, an dem – für sie – so vieles über die letzten 30 Jahre hinweg unverändert geblieben ist, wie vielleicht nirgendwo sonst im Westen Deutschlands. Ja, man fährt Mercedes und geht für ziemlich viel Geld zu „Gosch“ um mittelmäßig zubereiteten Fisch zu essen. Man feiert aber nicht für tausende Euros bis zum Umfallen in Kampener Clubs, das tun nur eigentlich nur C-Promis und Berufs-Töchter und -Söhne. Stattdessen trennt man den Müll vielleicht noch ein bisschen sorgfältiger als zu Hause, fährt viel Fahrrad und trinkt besagten Müller-Thurgau.

Und so gibt es bei der Klage über für viele Sylter zu teure Mietwohnungen und ähnliche Entwicklungen zwischen Sarah Wagenknecht, ihrer Diskussionspartnerin von der CDU und den anwesenden, gutbürgerlichen Zuhörern keinerlei Differenz. Altbundesdeutscher Konservatismus und die Linke sind an diesem Tag auf Sylt nur einen nostalgischen Halbtrockenen entfernt. Dann ist Freitag und die Privatjets landen im Halbstundentakt. Einigkeit auch hier.

beingoo – Verlag & Agentur für wahre, schöne und gute Ideen: Gegründet wurde beingoo im Jahr 2007. Wie lange der Wunsch, gute Ideen Wirklichkeit werden zu lassen, zuvor schon im Kopf von Benjamin Erhardt, dem Gründer von beingoo, anklopfte, ist nicht ganz sicher. Bereits die ersten Projekte der Firma machen aber klar, dass es dieser Wunsch inhaltlich von Musik über Kunst und Wissenschaft bis hin zur Literatur recht weit gefasst war und immer noch ist.

Da wurde im eisigen Januar 2007 der schillernde Altersforscher Aubrey de Grey nicht nur zu einem simplen Vortrag an die Universität Heidelberg eingeladen, nein, es gab gleich ein Festkonzert. Dirigent dieses Konzerts und Komponist einiger dort gespielter Stücke war HRW Freitag, dessen Gesamtwerk hernach bei beingoo verlegt wurde. Zu unserem ersten Roman “Kaleidokosmos” gab es nicht nur eine Fotoserie, nein auch eine Oper war gleich mitgedacht, an der HRW Freitag übrigens gerade arbeitet. Für den ersten Band der beingoo Wissenschaftsreihe, einer Studie zur “Conjoint Analyse”, wurde eigens ein Hip-Hop-Album (“Komplexx”) produziert, das neben den immer noch feinen Beats von DJ Kay One eine treffende Fallstudie für eben diese Studie lieferte.

2009 starteten wir mit der Gesangskunst der Oxford Clerks das nächste große Projekt. Die für 2009 und 2010 jeweils fix und fertig organisierten Weihnachtskonzerte der Jungs in Berlin wurden absurder Weise zweimal vom Schneechaos in Europa verhindert, dafür bereichert seitdem eine wunderschöne CD mit klassischen Weihnachtsstücken unseren Katalog. Unsere Begeisterung für deutschsprachige Lyrik, von dem unsere Lyrik-Datenbank und der 2010 erschienenen Anthologie “Sehnsucht” künden, hat sich glücklicherweise als wetterunabhängiger herausgestellt. Ebenso der Blick auf das Geschehen dieser Welt, der sich seit Ende 2009 jeden Freitag im “Tag der Wahrheit” niederschlägt.

Wie man sieht, sind wir unserem breiten Verständnis davon, was “wahre, schöne und gute Ideen” beinhalten können, treu geblieben, obwohl wir mittlerweile gelernt haben, dass eine gewisse Konzentration von Vorteil ist. Als Agentur helfen wir daher anderen, ihre guten Ideen in die Tat umzusetzen. Uns selbst haben wir gerade mit Lyrik123.de, der Lyrik-Datenbank im Netz und Zeit-und-Wahrheit.de, den Seiten für die ganze Wahrheit über das Weltgeschehen heute und gestern, zwei schöne Geschenke gemacht, die anzuschauen sich lohnen. Fester Bestandteil von Zeit & Wahrheit ist dabei der „Tag der Wahrheit“, unser wöchentlicher Blick aufs Weltgeschehen.

Foto/Quelle:  Wikimedia Commons /  www.zeit-und-wahrheit.de, www.beingoo.de

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