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Reisefotografie als Kunst der Entschleunigung

Reisefotografie als Kunst der Entschleunigung
Reisefotografie als Kunst der Entschleunigung

Die Galerie für Kulturkommunikation Hannover stellt ihren Bildband „Insel Föhr – ein Reiseführer in 193 Fotografien“ vor. Der Band zeigt einen anderen Zugang zu dieser Insel als die bislang vorgelegten Bildbände. Er sieht die Landschaft anders, als der Tourist es gelernt hat, Landschaften zu sehen. Der Tourist hat verlernt zu sehen, was nicht zur Landschaft gehört. Er nimmt nicht mehr wahr, dass die grauenvollen Imbißbuden an den Dünen nicht zur Landschaft gehören, weil für ihn, der aus seiner Tretmühle entkommen will, Entertainment will.

In Wirklichkeit wollen die meisten Urlauber keine Landschaft, sie wollen die touristisch aufbereitete Illusion von Landschaft. Der vorliegende Bildband verweigert sich dieser Voreingenommenheit. Er zeigt Alltag auf der Urlaubsinsel. Die Wahrnehmung Föhrs ist durch millionenfach völlig identische Urlaubsbilder geprägt worden, denen dieser Band keine weiteren hinzu fügt. Er lässt neue Bilder zu und definiert die Vorstellungen von dem, was in einer Urlaubslandschaft schön ist, neu.

Viele Menschen reisen, um ihrer beruflichen Tretmühle zu entkommen. Im Urlaub geht es dann weiter wie gehabt: man hetzt von einem Kur-Konzert zur nächsten Kur-Anwendung und fotografiert digital Unmengen von Bildern, die sich niemand auf der Welt noch ein zweites Mal anschaut.

Analoge Fotografie ist ein Schlüssel zur Flucht aus der Tretmühle. Sie ist langsam, sie ist bedächtig, sie ist teuer. Sie ist ein Gegenmodell zur modernen Grundhaltung, dass nichts mehr so uninteressant ist wie das Bild von gestern. Sie ermöglicht einen Spaziergang durch die eigene Gegenwart und fängt diese dauerhafter ein, als es digitale Technik jemals ermöglichen wird. Digitale Technik ist extrem schnell und sie veraltert ebenso schnell. Sie hilft, auf Reisen eine Differenz zum hektischen Alltag zu schaffen, sie verlangsamt. Analoge Fotografie hilft nicht nur, auf Reisen den Abstand zum Alltag zu schaffen und zu konservieren, sondern sie leistet das selbe im Alltag.

Dort, wo die digitale Fotografie dazu verleitet, geradezu im vorüber Rennen noch ein Bild mitzunehmen, fordert die analoge Fotografie die Beschäftigung mit dem Sujet heraus. Künstlich hochgepushte Sensoren und Prozessoren ermöglichen es, mit einer Schein-Empfindlichkeit von 12.800 ASA verrauschte Nichtigkeiten zu konservieren. Die analoge Technik, bei der vernünftigerweise bei spätestens 1600 ASA Schluß ist, verlangt nach dem Stativ. Analoge Fotografie verträgt sich gut mit analoger Musik, beispielsweise jener aus der Gotik oder der Renaissance, digitale Fotografie verträgt sich mit den hektischen Loops steriler Retorten-Popgestalten.

Die Entschleunigung des Lebens durch analoge Fotografie verlangt nicht den spektakulären Besuch touristenmagnetischer Metropolen, aber sie stärkt die Versuchung, deren von Touristen wenig besuchte Rückseiten zu erobern. Wer auf der Karlsbrücke in Prag versucht, ein Stativ aufzustellen, wird zur Verkehrsbehinderung der hunderttausende, die im Eilschritt durch die Prager Altstadt trampeln. Wer in Erfurt seine Kamera aufstellt, wird Zeit und Muße finden, die verborgenen Schönheiten der Provinz zu finden.

Analoge Fotografie findet als Gefährte der Entschleunigung ihren wahren Aufenthaltsort dort, wo es für digitale Fotografie zu langweilig ist. Sie bedarf nicht der Sensation, ihren Einstiegspunkt in die Entschleunigung des Alltags findet sie oft genau dort: wer seinen Alltag analog fotografiert, konserviert nicht nur den spezifischen Moment auf einem langzeitstabilen Medium, sondern sie beginnt vor unserer Haustür.

Sie hilft, unsere Umgebung genauer wahrzunehmen. Wer jemals eine Alltagssituation durch den riesigen hellen Sucher einer guten analogen Kamera sah, und wer jemals in hellem Sonnenlicht versuchte, das Display seiner digitalen Kamera zu erkennen, der erfährt den Unterschied sinnlich. Im Grunde weiß man bei digitaler Fotografie oft erst nach der Aufnahme, was man überhaupt fotografiert hat, und erfährt es nie, weil man sich die Bilder nicht mehr ansieht. Zu wohlfeil entstehen sie.

Foto/Quelle:   www.galerie-fuer-kulturkommunikation.com – www.bildkunst.de

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